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17 Jul
2017

Man ist, was man ißt. Gestörte Darmflora als Risikofaktor für eine Depression.

In den letzten Jahren häuften sich die Hinweise, dass die Qualität der Ernährung und die Stimmungslage des Menschen irgendwie miteinander verknüpft sein könnten. Je nach Land und Kultur schwankt zwar die Vorstellung davon, was eine gesunde Ernährung ausmacht. Beobachtungsstudien zeigten jedoch, dass vor allem eine pflanzenbasierte Kost mit fettarmen Proteinen und Fisch mit einem geringeren Risiko für eine Depression einhergeht. Aufbereitete Nahrungsmittel und stark gezuckerte Speisen und Getränke hingegen wurden immer wieder mit einem höheren Erkrankungsrisiko in Verbindung gebracht.

Einen Zusammenhang zwischen Darm und Gehirn kann man belegen, allerdings bislang nur im Tierversuch. Dabei verhalten sich Mäuse ohne Darmbakterien weniger ängstlich als ihre normal besiedelten Artgenossen, sie zogen sich nicht in schützende Bereiche ihres Käfigs zurück. Ähnliches zeigte sich bei keimfreien Mäusen, denen Darmbakterien von besonders wagemutigen Tieren übertragen wurden. Diese Mäuse passten ihr Verhalten nach kurzer Zeit an das ihrer Bakterienspender an. Dass Darmbakterien und Hirnchemie irgendwie miteinander zusammenhängen, scheint offensichtlich. In welcher Weise und ob die Daten der Tierversuche auch auf den Menschen übertragbar sind, muss aber in weiteren Studien erst noch geklärt werden.

In einem Übersichtsartikel von 2012 mutmaßten Mikrobiologen bereits, dass eine gestörte Darmflora ein Risikofaktor für eine Depression darstellt. „Die Darmflora reguliert Entzündungsprozesse im Körper. “Eine veränderte Darmflora kann bei entsprechend veranlagten Individuen zu anhaltenden Entzündungsreaktionen führen – und damit auch deren Gemütslage beeinflussen“, sagt Studienautor Graham Rook, Professor am University College London, im Zuge der Studie gegenüber „Spektrum“. Denn Depressionen gingen – wie Übergewicht, Asthma und das Reizdarmsyndrom – auf entzündliche Prozesse im Körper zurück. Diese entzündlichen Erkrankungen haben in den Industrieländern seit Mitte des 20. Jahrhunderts dramatisch zugenommen.
Um herauszufinden, ob eine Ernährungsumstellung auch zur Behandlung von Depressionen beim Menschen eingesetzt werden kann, starteten Wissenschaftler in Australien die „SMILES“-Studie (Supporting the Modification of lifestyle In Lowered Emotional States). Nun wurden die Daten dieser ersten kontrollierten, randomisierten Studie zum Thema Depressionstherapie durch Ernährung veröffentlicht.
Die Wissenschaftler hatten 67 erwachsene Patienten, die unter einer schwere Depression litten, in ihre 12-wöchige Studie eingeschlossen. Zu den Einschlusskriterien gehörte ein Wert von mindestens 18 von 60 möglichen Punkten auf der Montgomery–Åsberg Depressionsskala. 55 dieser Patienten befanden sich bereits in Behandlung: 21 Patienten erhielten eine Psychotherapie in Kombination mit Antidepressiva, 9 erhielten ausschließlich eine Psychotherapie, 25 ausschließlich Antidepressiva.
Alle eingeschlossenen Teilnehmer ernährten sich zudem schlecht. Nach eigenen Angaben nahmen sie wenig Ballaststoffe, fettarme Proteine, Obst und Gemüse zu sich, dafür reichlich Süßigkeiten, Fleisch, Fleischprodukte und salzige Snacks.
Die Teilnehmer wurden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt: In einer Gruppe erhielten die Patienten 7 individuelle Beratungsgespräche mit einem ausgebildeten Ernährungsassistenten. Die ersten 4 Gespräche erfolgten wöchentlich, die übrigen alle 2 Wochen. Der Fokus der Ernährungsberatung lag auf der qualitativen Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten. Die Teilnehmer durften sich zwar satt essen, wurden aber dazu angehalten, folgende Verzehrsempfehlungen zu befolgen:

▪ Vollkorngetreide (5-8 Portionen pro Tag)
▪ Gemüse (6 Portionen pro Tag)
▪ Obst (3 Portionen pro Tag)
▪ Hülsenfrüchte (3-4 Portionen pro Woche)
▪ fettarme und ungesüßte Milchprodukte (2-3 Portionen pro Tag)
▪ rohe und ungesalzene Nüsse (1 Portion pro Tag)
▪ Fisch (mindestens 2 mal pro Woche)
▪ fettarmes, rotes Fleisch (3-4 Portionen pro Woche)
▪ Huhn (2-3 Portionen pro Woche)
▪ Eier (bis zu 6 pro Woche)
▪ Olivenöl (3 Esslöffel pro Tag)
▪ Extra-Nahrungsmittel wie Süßigkeiten, Weißmehlprodukte, Frittiertes, Fast-Food, Fleischprodukte und zuckerhaltige Getränke (maximal 3 pro Woche)

Um die Mitarbeit der Studienteilnehmer zu erleichtern, erhielten sie die Hauptlebensmittel ihres neuen Ernährungsstils, sowie Rezepte und einen schriftlichen Ernährungsplan zum Nachlesen im Zuge der Beratungsgespräche. Die Kontrollgruppe erhielt im gleichen zeitlichen Umfang eine soziale Unterstützung. Diese bestand aus individuellen Gesprächen über Themen, die die Teilnehmer interessierten. Wer sich nicht unterhalten wollte, konnte die Zeit auch mit Karten- oder Gesellschaftsspielen verbringen.

Nach 12 Wochen verzeichnete die Gruppe mit der Ernährungsumstellung einen größeren Rückgang der depressiven Symptome als die in der sozial unterstützten Gruppe. 32 Prozent der Patienten in der Ernährungsgruppe konnten nach der 3-monatigen Studienphase eine Remission verzeichnen, in der sozial betreuten Gruppe waren es nur 8 Prozent. Der statistisch signifikante Unterschied beider Gruppen betrug 7,1 Punkte auf der Montgomery–Åsberg Depressionsskala.
Für die Studienleiterin Felice Jacka liegen die Gründe auf der Hand: „Die Studienergebnisse beruhen auf dem Ausmaß der Ernährungsumstellung, nicht etwa auf Sport oder dem Körpergewicht. Je strikter die Teilnehmer den Ernährungsplan verfolgten, desto größer waren ihre Erfolge.“ Für Jacka, Präsidentin der “International Society for Nutritional Psychiatry Research”, öffnen die Studienergebnisse neue Türen bei der Behandlung von Depressionen. Denn nur etwa der Hälfte der Betroffenen könne mit momentan zugänglichen Therapien wie Antidepressiva und/oder Psychotherapien geholfen werden. „Daher brauchen wir dringend neue Therapieoptionen“, so Jacka.

Die Zusammenhänge leuchten theoretisch ein: Eine schlechte Ernährung fördert das Wachstum entzündungsfördernder Bakterien im Darm. „Eine Depression erhöht das Risiko für Adipositas, Typ-2 Diabetes und Herzerkrankungen. Umgekehrt erhöhen diese Erkrankungen auch das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Eine Verbesserung des Ernährungsstils würde auch die Begleiterkrankungen positiv beeinflussen“, so Jacka. Möglicherweise bräuchten depressive Patienten zunächst Unterstützung bei der Umsetzung einer gesunden Ernährungsweise. Denn das Einkaufen und Zubereiten gesunder Lebensmittel erfordert eine Grundmotivation, die krankheitsbedingt bei depressiven Patienten nicht mehr vorhanden ist.

Eine Ernährungsumstellung, die die Zusammensetzung der Darmflora positiv beeinflusst, scheint im Vergleich zu den übrigen Interventionen bei Depressionen vergleichsweise einfach, und vor allem nahezu nebenwirkungsfrei zu sein. Ein weiterer, positiver Nebeneffekt der gesunden Ernährung: Die Patienten sparen Geld. Die Therapie ist risikoarm und kostengünstig. Eine Analyse von 20 Studienteilnehmern der SMILES-Studie zeigte: Die ungesunde Ernährung kostete die australischen Patienten durchschnittlich 138 AU$, die gesunde nur 112 AU$. Einen Versuch wäre es wert.

Originalpublikationen:
Mediterranean dietary pattern and depression: the PREDIMED randomized trial. Almudena Sánchez-Villegas et al.; BMC Med, doi: 10.1186/1741-7015-11-208; 2013

A randomised controlled trial of dietary improvement for adults with major depression (the ‘SMILES’ trial)
Felice N. Jacka et al.; BMC Med, doi: 10.1186/s12916-017-0791-y;2017
Can we vaccinate against depression? Graham A.W. Rook et al; Drug Discovery Today, doi: 10.1016/j.drudis.2012.03.018; 2012

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1359644612001225
Quelle: nach einem Artikel von Sonja Schmitzer http://news.doccheck.com/de

Kommentar Mammazentrum Hamburg: Die Zusammenhänge von Darm und Gehirn beschäftigen mittlerweile Experten in einer eigenen Subspezialität, der Neuro-Gastroenterologie. Wenn Sie mehr über die Beziehung zwischen Darm und Hirn wissen möchten. lesen Sie das Buch „Darm an Hirn“ von Prof. Dr. med. Thomas Frieling (u.a.).

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