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27 Jul
2017

Methadon ist kein Krebsheilmittel. 

Seit einigen Monaten kursieren in den Medien Berichte über eine Wirksamkeit des Opioids Methadon als Krebsheilmittel. Einige Fernseh- und Hörfunkbeiträge haben erste Erkenntnisse zu „Methadon als Krebsmittel“ aus Labor- und tierexperimentellen Studien sowie einer im März veröffentlichten Studie aufgegriffen, an der 27 Krebspatienten teilnahmen, die Hirntumoren (Gliome) haben. Diese Beiträge vermittelten den Eindruck, dass Methadon vor allem für therapieresistente Tumorleiden eine erfolgversprechende Therapieoption sei. Nun warnen Schmerztherapeuten davor, dies könne falsche Hoffnungen wecken.

„Eine bestimmte Form des Methadons, das Levomethadon, setzen wir seit vielen Jahren bei Patienten mit Tumorschmerzen ein. Es ist ein stark wirkendes Medikament mit erheblichen Nebenwirkungen und überdies nicht einfach zu steuern, da es eine hohe Halbwertszeit besitzt“, erklärt PD Dr. med. Stefan Wirz, Sprecher des Arbeitskreises Tumorschmerz der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. Damit steige die Gefahr, dass sich die Konzentration von Methadon im Blut stark erhöht und es zu lebensgefährlichen Komplikationen kommt, wie beispielsweise einem Atemstillstand. Dies gilt ebenso für das Methadon. Weitere opioidtypische Nebenwirkungen von Levomethadon und Methadon sind zudem Übelkeit und Erbrechen, Verstopfung, Atembeschwerden, Veränderung der Geschlechtshormone und Herzrhythmusstörungen. Das hat auch damit zu tun, dass Methadon bis zu 72 Stunden im Blut bleibt – die Gefahr einer Überdosierung ist damit hoch.

Im Laborversuch hatte die Chemikerin Dr. Claudia Friesen von der Universität Ulm Hinweise darauf gefunden, dass eine Opioidrezeptoraktivierung die Effektivität von Chemotherapeutika verstärken kann. Grund dafür sind Opioid-Rezeptoren an der Oberfläche der Tumorzellen, an die das Methadon, aber auch die anderen zur Schmerztherapie eingesetzten Opioide, andocken. Dadurch wird die Aufnahme des „Zellgifts“ (Zytostatikum) in die Zelle erleichtert und der Transport aus der Zelle gehemmt, sodass sich das Medikament in den Krebszellen besser anreichert. Zwei günstige Effekte, die das Absterben der Tumorzelle beschleunigen können. „Ob Methadon oder andere Opioide diese unterstützende und verstärkende Wirkung auch bei Patienten mit Glioblastom haben könnten, weiß man zum jetzigen Zeitpunkt nicht“, so Wirz. „Eine Prognosebesserung durch Methadon bei Tumorpatienten ist nicht wissenschaftlich belegt. Der Arbeitskreis Tumorschmerz lehnt daher – wie einige andere medizinische Fachgesellschaften auch – eine Anwendung Methadons zur Tumortherapie ab“, betont Wirz. Friesen selbst betont übrigens, dass es sich nicht um eine klinische Studie handele. In einigen Berichten wird jedoch nicht klar, dass die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen alles andere als bewiesen ist.

Mit dem „Hype um Methadon“ beschäftigt sich auch eine „Randnotiz“ im deutschen Ärzteblatt. „Methadon gegen Krebs: Kaum Nebenwirkungen“ – so oder ähnlich lauteten in den vergangenen Wochen viele Schlagzeilen in den Medien. Das Fazit, zu dem Plusminus, sternTV und andere ihre Leser und Zuschauer hinleiten, war meist eindeutig: Methadon kann Krebs heilen! Nur die Pharmaindustrie habe kein Interesse daran, das billige Medikament zu untersuchen.”  (Gießelmann, Kathrin. Dtsch Arztebl 2017; 114(29-30): A-1409 / B-1181 / C-1155).

Bevor eine problematische Substanz wie Methadon am Menschen getestet wird, muss klar sein, ob man den gleichen Effekt nicht auch mit einer nebenwirkungsärmeren Substanz erzielen kann. Es existieren derzeit aber weder diese Grundlagenergebnisse noch die erforderlichen kontrollierten Studien an Patienten. Ohne diese Evidenz darf eine verantwortungsvolle Medizin den Einsatz von Methadon zur Tumortherapie nicht befürworten. Es besteht die Gefahr, dass Patienten durch solche Fehlinformationen eine etablierte und wissenschaftlich belegte Therapie ablehnen könnten, um stattdessen eine Methadon-Therapie zu fordern, deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist.

Fazit: Das Opioid Methadon sollte nicht unkritisch zur Tumortherapie eingesetzt werden. Die derzeit vorliegenden Daten aus Labor- und Tierversuchen sowie einer Studie mit 27 Krebspatienten reichen nicht aus, um eine Behandlung zu rechtfertigen.

Auszüge einer Information der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. Arbeitskreis Tumorschmerz

Ausgewählte Literatur:

– Onken J, Friesen C, Vajkoczy P et al.

Safety and Tolerance of D, L-Methadone in Combination with Chemotherapy in Patients with Glioma. Anticancer Res. 37:1227-1235, 2017.

http://ar.iiarjournals.org/content/37/3/1227.long

Methadon bei Krebspatienten: Zweifel an Wirksamkeit und Sicherheit. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO), 26.04.2017.

https://www.dgho.de/informationen/stellungnahmen/gute-aerztliche-praxis/DGHO_Stellungnahme_Methadon%2020170426_.pdf

 


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